Gedankengänge

Mitten in einem überfüllten Wartesaal an einem Bahnhof irgendwo in Indien.

Während meiner knapp vier wöchigen Pilgerreise in Indien habe ich so viele Eindrücke und Erlebnisse in mich aufgesogen, die mich erfüllt haben und in mir weiter schwingen. Wie kostbare Geschenke, für die ich unsagbar dankbar bin. Es ist ein Privileg solche Reisen unternehmen zu können. Dies ist mir sehr bewusst.

Zugleich ist wahrlich alles eine Reise. Wir sind hier zu Gast auf dieser Erde und irgendwie immer Reisende. Überall. So empfinde ich es jedenfalls. In der Ferne, herausgelöst aus dem Alltag und dem gewohnten „Trott“ mag uns dies manchmal deutlicher werden und leichter fallen.

Wir waren an sehr vielen heiligen Orten. Haben Ashrams und Tempel besucht. Dies war sehr beeindruckend und vielerorts war sehr deutlich die starke Energie zu spüren, die durch die Anwesenheit und das Wirken von bedeutenden und besonderen Menschen entsteht. Es ist, als tauche man in ein bestehendes Kraftfeld, welches das eigene Energielevel anzuheben vermag.

Besonders aufladend und schön waren für mich Orte in der Natur. Alte Bäume, Felsen und Berge. Nicht ohne Grund sind ja Tempel meist an besonderen Orten errichtet worden. An Kraftorten, die von sich aus schon eine sehr hohe Schwingung und Energie haben.
Die Natur ist ja eigentlich ein riesiger Tempel, den wir ehren, lieben und wertschätzen sollten. All zu oft, wird das ja auf ein kleines Fleckchen begrenzt, das geschmückt und umhegt wird. Und nicht weit entfernt stapelt sich der achtlos weggeworfene Müll.
Auch das ist Indien. Doch natürlich nicht nur dort. An vielen Orten ereignet sich diese Widersprüchlichkeit.

Von einem Erlebnis möchte ich jetzt erzählen und es teilen, weil es so besonders war und weil es auf dieser Pilgerreise eben nicht im Ashram oder in einem Tempel statt gefunden hat, sondern in einem überfüllten Wartesaal am Bahnhof von Agra.

Nach einem recht skurrilen Aufenthalt in Agra mit Besichtigung des Taj Mahal, sass ich mit meiner lieben Reisegefährtin und unseren diversen Gepäckstücken in besagtem Wartesaal. Es war ein heißer Tag gewesen. Wir waren erschöpft und auch etwas durcheinander. Jedoch glücklich am Bahnhof zu sein, wo unser Zug in ca. 4 Stunden eintreffen sollte, um uns weiter nach Delhi zu bringen.

In diesen Stunden kam ich richtig zur Ruhe, vielleicht wie noch nie so richtig auf der ganzen Reise. Ich entspannte mich und gab der Müdigkeit nach. Richtete es mir gemütlich ein auf meinem Platz, die sockigen Füsse auf mein eingepacktes Harmonium gestellt. Vor mir auf meinem Koffer platzierte ich ein kleines Bild von Babaji, angelehnt an eine leere Prasad – Schachtel, die uns Sadu Maha Raj beim Abschied aus seinem Ashram in Vrindavan überreicht hatte. Ein kleiner improvisierter Mini-Altar. Endlich nahm ich mir die Zeit ausführlicher Tagebuch zu schreiben und in einem Buch zu lesen. Mit uns warteten indische Familien, Paare, Gruppen, vereinzelte Reisende. Manche sassen lange mit uns, andere kamen und gingen. Manche schliefen, lang ausgestreckt über ein paar Bänke. Manche machten ein Picknick auf einer Decke auf dem Boden. Neben mir stillte eine Mutter ihr Kind. Ein Mann lag schlafend mit dem Kopf im Schoss seiner Frau. Von draussen dröhnten die Durchsagen des Bahnhofes herein, Züge fuhren ein und aus, es herrschte ein ziemlicher Lärm und ein Gewusel vor der Wartehalle.

Allmählich ging der Tag zur Neige und tauchte alles in ein milderes und weicheres Licht.
Ich sass völlig erschöpft, zufrieden und ohne Absicht zwischen all diesen Menschen und plötzlich fühlte ich keinen Unterschied, mehr, keine Trennung. Alles war mir nah und vertraut und vollkommen. Die Geräusche, das Gewusel, die wartenden Menschen; Männer, Frauen, Kinder. Der Hund, der irgendwann in den Saal gekommen war und sich direkt unter meinen Sitz gelegt hatte, um dort völlig entspannt und friedlich einzuschlafen.

Sonnenstrahlen durchfluteten den Bahnhof und das Licht fiel durch die offene Tür des Wartesaals und zauberte eine Glanz, einen leuchtenden Schimmer auf alles, was es berührte. Alles wurde erleuchtet. Wirklich alles. Der Dreck, der Staub, das Metall der Stühle, die Augen des alten Mannes, der mir gegenüber sass. Unsere Blicke begegneten sich und in der Tiefe war ein Leuchten, ein Wissen, ein gegenseitiges Erkennen. Wir nickten uns zu und lächelten beide. Es hat mich zu Tränen gerührt und ich schloss die Augen. In mir breitete sich eine unbeschreibliche Liebe, Dankbarkeit und Güte aus. Wie eine Woge, die mich trug und erhob. Ein Leuchten und Strahlen, das sich von Innen nach Außen ausdehnte. Ein Beben lief durch mich. Ein Gefühl von Lebendigkeit. Von grenzenloser Weite und Freude. Von Verbundenheit und Gnade. Ich fühlte wie 2 Tränen meine Wangen hinunterliefen und liess dies einfach geschehen. Behutsam und sanft liefen sie herab, Ganz langsam. Ein Moment von gefühlter Ewigkeit. Mitten in einem überfüllten Wartesaal an einem Bahnhof irgendwo in Indien.

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