Gedankengänge

an meine Großmutter

Liebe Marie,

ich betrachte Dich auf einem vergilbten schwarz-weiss Foto. Es wurde vermutlich im Winter aufgenommen. Dein Blick geht in die Ferne. Ein Lächeln spielt um Deinen Mund. Eine Falte zwischen den Augen fällt mir auf. Und Lachfältchen. Wenn ich Dich so ansehe, in diesem eingefangenen Moment vor vielen Jahren, dann berührst Du mich tief. Wir sind uns leider nie begegnet. Ich konnte Dich nie in den Arm nehmen oder Dir in die Augen sehen. Auch auf diesem Bild treffen sich unsere Blicke nicht. Dennoch spüre ich Dich. Ein Gefühl von Zartheit überlagert von Haltung und sich in das fügen was ist. Tiefsinnigkeit, eine gewisse Schwere und Traurigkeit. Zugleich etwas sehr liebevolles und freundliches. Wehmut. Sehnsucht. Freude blitzt hindurch. In Deinen Zügen erkenne ich meine Mutter wieder. Erkenne mich wieder. Aus Erzählungen weiss ich, dass Dein Leben nicht leicht war. Geboren 1913. Vertrieben nach dem Krieg 1945 aus dem Sudetenland. Viele Menschen waren zu der Zeit auf Wanderung, es ging von einem Lager ins andere. Menschen starben, blieben liegen, viele ohne menschliche Hilfe. Teils in Kohlenwaggons mit Zentimeter hohem Kohlenstaub, sodass die Kleidung und das Gesicht ganz schwarz war. Mehrere Male wurde der Zug angehalten. Junge Frauen wurden heraus geholt, vergewaltigt. Wer nicht gefügig war, wurde geschlagen – manche erschossen. Du warst 32 und musstest mit Deinem 9 Jährigen Sohn Otto und Deiner Tochter Hannelore, die 2 einhalb Jahre alt war, Deinen Heimatort Naschau verlassen. Mit einem Handwagen und nur dem Nötigsten. Bekleidungsstücke, Wäschestücke, sowie Geld und Wertgegenstände wurden Euch bei Kontrollen abgenommen.
Dies weiss ich durch Aufzeichnungen Deines Sohnes Otto, der seine Erinnerungen über die Vertreibung und Ausweisung aus dem Sudetenland aufgeschrieben hat. Wenn ich seine Worte lese, überkommt mich ein Schauer und ich blicke auf Dich auf diesem Bild und falle hinein. In Deine Lebensgeschichte, die Du mit Dir getragen hast. All das Erlebte, all der Schmerz, so scheint es mir, schwingt mit. Aber dann nehme ich auch etwas wahr, was davon unberührt scheint. Ich sehe Dein schönes Wesen. Erkenne da eine Feinheit und Ausstrahlung. Ich vermag es schwer in Worte zu fassen. Mir ist, als sehe ich durch all das Äußere hindurch Deine feine Seele.
Sicherlich bist Du mit Vielem, was Du erlebt hast, nicht fertig geworden. Hast es nicht verarbeiten können.
Ich als Deine Enkelin, betrachte Dich all die Jahre später, auf diesem Bild und sende Dir all meine Liebe. So manches von Dir schwingt noch immer in mir. Ich weiss um Deinen Mut und Deine Stärke. Erahne Deine Ohnmacht und Verzweiflung. So möge ich hier und heute dazu beitragen, dass Heilung geschehen kann. Das Trauer und Schmerz gefühlt und losgelassen werden kann. Wenn Zeit und Raum eine Illusion ist, liebste Marie, warum sollte dies nicht möglich sein? Somit nehme ich Dich fern von Zeit und Raum in den Arm. Somit schaue ich in Deine Augen. Somit möchte ich mit Dir gemeinsam lachen und weinen. Möchte ich Dir zuhören und gemeinsam in den weiten Himmel schauen! Heilung, Vergebung – all dies ist möglich. In alle Richtungen. Rückwirkend, jetzt, für die Zukunft. Wir sind alle miteinander verbunden. Über Zeit und Raum hinaus.

In Liebe,
Deine Enkelin Charis

Share This: