Gedankengänge

Erdung

Das neue Jahr hat kaum begonnen und schon fühlt es sich an, als würde es mich überholen. Vielleicht liegt es daran, dass ich – wie so viele – eine sehr heftige Grippe hatte und mich davon immer noch leicht geschwächt fühle. Was auch immer, momentan habe ich schnell das Gefühl überfordert zu sein. Von meiner Arbeit, von den Meldungen aus aller Welt, vom Blick auf meine Timeline bei Facebook … es ist eine diffuse Überforderung. Wenn ich genauer auf die einzelnen Themenbereiche blicke, erkenne ich sehr wohl, dass es keinen Grund gibt davon überfordert zu sein. Ich kann mir konkret anschauen, um was es geht, mir meiner Haltung dazu klar werden und schon steht die Thematik nicht mehr „über“ mir sondern auf Augenhöhe mir gegenüber. Sie ist nicht mehr übermächtig und ich im Verhältnis dazu ohnmächtig. Ich ordne sie für mich ein. Bekomme sie zu fassen und sie verliert an Bedrohlichkeit.
Eine Überforderung, wenn ich so darüber nachdenke, tritt bei mir oft dann ein, wenn ich mich haltlos und unsicher in mir und in der Welt fühle. Ich habe dann keine Erdung. Der Boden unter meinen Füssen scheint mir entzogen. Alle Informationen, die ich dann empfange, überschwemmen mich und in ihrer Quantität erschlagen sie mich- wie eine Welle, die genau über einem bricht und einen wie in einem Schleudergang in der Waschmaschine herumwirft.
Im Kollektiv wie auch beim Individuum finden momentan viele Umbrüche, Zusammenbrüche und auch Aufbrüche statt. Unsere ganze Gesellschaft scheint sich in einem Schleudergang zu befinden. Unsere Werte werden angegriffen, extreme Positionierungen erhalten Zulauf. Überall Zerstörung und Ausbeutung. Alles scheint aus den Fugen. Der vermeintliche Halt bröckelt. Das macht Angst, erzeugt Orientierungslosigkeit. Wem noch vertrauen? Was glauben? Gibt es nur Gut oder Böse? Und was heisst das überhaupt? Wer sind „Die Guten“? „Wer „Die Bösen“? Was sind FAKE-NEWS und was nicht?
Nach Trumps Wahl habe ich von vielen in meinem Umfeld gehört, das wir umdenken müssen. Das wir auf Menschen, die sich abgehängt und nicht gehört fühlen, zugehen sollten. Das wir einander zuhören sollten und wirklich begegnen sollten. Und das geht natürlich nicht, wenn wir uns ÜBER andere stellen. Wenn wir bei einem „Ja, aber…“ sofort sagen: „Du bist rassistisch“ oder ähnliches. Wenn wir uns WIRKLICH dafür interessieren wollen, wie jemand denkt, welche Ängste dahinter stecken usw., dann gilt es vor allem empathisch zu sein. Zuzuhören. In eine Verbindung zum Gegenüber zu kommen. Verstehen zu wollen. Nachzufragen. Aber auch in den sozialen Netzwerken.
Wenn ich mich so bei Facebook umsehe, erschrecken mich diese Fronten. Dieser Hass. Auf allen Seiten. Und wehe, jemand sagt was, das irgendwie irgendwas in Frage stellt – natürlich ist das Medium soziales Netzwerk allein deshalb problematisch für wirklichen Diskurs, weil da kein reales Gegenüber ist. Beim Durchlesen von Kommentaren, fliegen einem oft die Missverständnisse nur so um die Ohren. Da wird aneinander vorbeigeredet, es gibt viel Rechthaberei und sehr viel Ausfälligkeit. Es fehlt das Angesicht des anderen, seine Mimik, sein Tonfall. Worte werden abstrus und sehr subjektiv ausgelegt. Und schon wird beschimpft und rundum geschlagen.
Das stimmt mich traurig. Ginge es nicht auch anders? Mit mehr Respekt? Mehr Toleranz? Mehr Güte? Ich empfinde die sozialen Netzwerke eigentlich als Bereicherung, wie eine Art hinzugewonnener digitaler Austausch-Raum und eben ein Netzwerk. Wie wir dieses Netz nutzen, das ist eben die entscheidende Frage. Was geben wir dort hinein? Was ziehen wir uns heraus?

Wenn ich geerdet bin, wenn ich mich zentriert fühle, dann scheint das einordnen, selektieren und erfassen von Informationen gut zu klappen. Ich lasse mich davon dann nicht überschwemmen und es überfordert mich auch nicht. Anstelle von Hektik, Verwirrheit und Unsicherheit, ist da Ruhe, Gelassenheit und Weite. Durch diese Weite im Inneren ziehen die TO DO`S, Informationen, die aufgeregten Meldungen, Bilder und effekthaschenden Kommentare. Anstatt sofort darauf anzuspringen, alles mit einem wohltuenden Abstand betrachten – einer Beobachterhaltung. Und mit einem liebevollen Herzen. Diese gütige Herzens-Energie bringt alles zum Schmelzen, was in die Trennung gehen will, in den Kampf, in den Hass, in die Verwirrung und in die Anfeindung. Die Absicht ist entscheidend. Wie wir den Dingen und anderen begegnen. Was wir denken, sagen und wie wir handeln.

Es gibt viele Wege, wie wir uns erden und zentrieren können. Manche machen dafür Yoga, gehen joggen, in die Natur, meditieren, malen, schreiben, singen, musizieren, kochen, Arbeit im Garten, tanzen ….
Es ist eine Anbindung. Zu sich selbst und zum großen Ganzen.
Mir hat jetzt gerade dieser Beitrag geholfen mich zu erden und zu zentrieren. Durch das Aufschreiben meiner Gedanken konnte ich mich ordnen, reflektieren und beruhigen. Das diffuse Überforderungsgefühl ist weg.
Vielleicht hat das Lesen meiner Worte jemandem etwas geholfen, falls sie oder er sich gerade überfordert und ungeerdet fühlt, oder diesen Zustand kennt. Es würde mich freuen, wenn dem so wäre. Ich betone es immer wieder gerne: WE ARE ALL IN THIS TOGETHER!
Von Herzen alles Liebe und Gute!
AHOI
Charis

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